
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Trierischen Volksfreunds
Auf zum Salatfalten!
20.03.2006
Trierer Jugendliche lernen gutes Benehmen bei Tisch
TRIER. Gute Manieren sind gefragt. Nicht nur bei den Großeltern, sondern auch unter jungen Leuten. Mehrere Trierer Schulklassen haben in den vergangenen Wochen ein Seminar über korrektes Benehmen bei Tisch besucht. Der TV war dabei.Von unserer Redakteurin
INGE KREUTZ
Ups, schon wieder ein Fehler! "Salatblätter schneidet man nicht, man faltet sie mit Messer und Gabel", sagt Lino Ley. Das hören die meisten der rund 25 jungen Leute, die an diesem Tag in Schlips und Kragen an festlich gedeckten Tischen im Trierer Hotel "Blesius Garten" sitzen, zum ersten Mal. Wie so manches, das die Trierer Gastronomin Ley und ihr Kollege Jürgen Jakobs ihnen erklären. "À la carte – Korrektes Verhalten bei Tisch": Das ist der offizielle Titel der etwas anderen Unterrichtsstunde, zu der die Schülerinnen und Schüler der Kaufmännischen Privatschule Eberhard zusammengekommen sind. Freiwillig. "Wir haben im Unterricht über Essen mit Kunden gesprochen", erzählt Schulleiter Stefan Eberhard. "Es wurden Unsicherheiten deutlich. Auf meine Frage, wer gerne mehr darüber lernen würde, schnellten alle Finger in die Höhe." Der Pädagoge staunte, sprach andere Klassen auf das Thema an – und stieß fast ausschließlich auf Begeisterung.
Symptom eines Wandels
Das Interesse an dem Benimm-Kurs ist für Eberhard Symptom eines Wandels, den er in den vergangenen Jahren bei seinen Schülern beobachtet hat: "Die jungen Leute sind leistungsorientierter und achten stärker auf Formen. Vor zehn Jahren wäre mir die Idee eines Benimm-Seminars wohl gar nicht gekommen."
Der Kurs, an dem in den vergangenen Wochen mehrere Klassen der Eberhard-Schule teilgenommen haben, ist kein Einzelfall: Stil- und Etikette-Lehrgänge haben Konjunktur. Die Hochwald-Touristik bot im Februar sogar ein "Kinder-Knigge-Seminar" an.
Interesse und Neugier – diese Begriffe nennen die Trierer Schüler auf die Frage nach ihrer Motivation immer wieder. Die Eltern freuten sich über die Wertschätzung guter Manieren, sagen alle, und Anne Holzem berichtet: "Meine Freunde haben geschmunzelt, als ich ihnen von diesem Seminar erzählte, fanden es aber gut."
Ley und Jakobs erklären derweil, dass Weingläser am Stil angefasst werden, die Serviette auf den Schoß gehört, Handys auf dem Tisch ebenso tabu sind wie Ellbogen, dass man Kartoffeln nicht schneidet und den Brotteller links stehen lässt, statt ihn vor sich zu rücken.
Aufmerksam hören die jungen Leute zu – und amüsieren sich über ihre Fehler: "Wir hätten fast alles anders gemacht!" Natürlich kenne man die Grundbegriffe, sagt Marc Simon. "Aber das hier ist der Feinschliff."
Er habe bei der Auswahl von Ort und Dozenten Wert darauf gelegt, dass das Seminar nicht steif wird, sagt Schulleiter Eberhard. Denn darum gehe es bei der neuen Lust an guten Manieren gerade nicht. "Das Abweisen jeder Form kam mit der Hippie-Kultur auf, weil es vorher zu steif zuging. Jetzt kehrt man zu dem zurück, was angemessen korrekt ist."
Der Kampf mit Knochen und Gräten
Zur Auswahl für das viergängige Menü standen ausschließlich "gemeine" Dinge wie Spanferkel, Ente und Scholle. Die jungen Leute kämpfen mit Knochen oder Gräten und achten gleichzeitig darauf, das Besteck ordnungsgemäß mit Zinken beziehungsweise Klinge zur Mitte auf dem Tellerrand abzulegen, sich vor dem Trinken den Mund abzuwischen – und die Salatblätter zu falten statt zu schneiden.
"Sehr anstrengend", stöhnt Sabrina Maehs, und Yvonne Disch fügt hinzu: "Das ist nichts, wenn man Hunger hat!" Ganz normal für den Anfang, meinen Lino Ley und Jürgen Jakobs. Auch stilvolles Essen will geübt werden. Jakobs zitiert einen seiner Ausbilder: "Esst zu Hause wie beim Kaiser, dann könnt ihr beim Kaiser essen wie zu Hause!" Werden die jungen Leute das, was sie gerade gelernt haben, wirklich im Alltag trainieren? Fast alle nicken zustimmend, als Anne Holzem ankündigt: "Ich probiere das!" Dann lacht sie. "Aber Papa sagt dann wahrscheinlich: Anne, lass mal!"

So ist’s richtig: Gastronomin Lino Ley (stehend) erklärt Anne Holzem, wie sie sich bei Tisch korrekt verhält. Foto: Inge Kreutz
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Trierischen Volksfreunds
Neue Suche nach alten Werten
20.03.2006
Tugenden wie gutes Benehmen sind wieder gefragt
TRIER. (ik) Junge Leute gehen wieder in den Tanzkurs und nehmen Benimm-Unterricht: Nachdem Heranwachsende jahrzehntelang bewusst gegen Konventionen verstoßen haben, stehen traditionelle Werte plötzlich wieder hoch im Kurs. Auch bei älteren Semestern ist der Trend zur neuen Bürgerlichkeit zu beobachten.on wegen: null Bock! Die Jugend von heute beschäftigt sich wieder mit Fragen wie: Darf man bei Tisch das Jackett ausziehen? Wo legt man das Besteck ab, wenn man während des Essens trinken möchte? Der Beweis: ein Benimm-Seminar, an dem jetzt mehrere Trierer Schulklassen teilgenommen haben. Auf eigenen Wunsch. "Das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen", sagt ihr Lehrer Stefan Eberhard.
Damit beschreibt der Pädagoge ein Phänomen, das derzeit Schlagzeilen macht: Von der "Renaissance traditioneller Werte" ist allenthalben die Rede. Das Schlagwort von der "neuen Bürgerlichkeit" macht die Runde. Bücher wie Peter Hahnes "Schluss mit lustig" über die neue Suche nach alten Werten stehen in den Bestsellerlisten. Und einer aktuellen Umfrage zufolge ist gutes Benehmen für 89 Prozent der Eltern ein besonders wichtiges Erziehungsziel.
Die meisten Beobachter sind sich einig: Der Wertewandel, der mit der 68er-Bewegung einsetzte und alte "bürgerliche" Ideale wie gutes Benehmen und Höflichkeit in Frage stellte, ist vorbei. Traditionelle Tugenden haben wieder Konjunktur. Hedonismus – also der Gedanke, dass das eigene Glück das Wichtigste ist – verliert an Attraktivität, ein Einsatz für das Gemeinwohl ist dagegen für immer mehr Deutsche wieder ein Thema. Damit verbunden: ein steigendes Interesse an Religion. Der Trierer Soziologe Waldemar Vogelgesang erklärt diesen Trend so: "Der Pluralismus, die vielfältigen Lebensformen, überfordern viele Menschen. Eine mögliche Lösung ist, sich Traditionen zuzuwenden." Klare Regeln vermittelten ein Stück Sicherheit. Andere Beobachter sehen einen Zusammenhang zwischen dem Rückzug des Wohlfahrtsstaates und dem Aufleben bürgerlicher Ideale wie Eigenverantwortung.
Mit dem Werteverständnis früherer Generationen sei diese Rückbesinnung allerdings nicht zu vergleichen, sagt Vogelgesang. Werte seien heute nicht mehr allgemein gültig, sondern nur in bestimmten Situationen. Die Jugendlichen aus dem Benimmkurs etwa hielten sich beim Essen mit dem Chef an die Regeln, zu Hause beim Abendbrot gehe es in der Regel jedoch locker zu.

